Routine

Die U-Bahn. Am Bahnsteig stehen fast immer dieselben Menschen. Alle unbeteiligt, alle ihrem Leben treu ergeben. Manchmal sitzt ein Obdachloser auf der Bank und raucht. Er stinkt unangenehm nach Alkohol. Ich kaufe jetzt zwei Packungen Kaugummis am Tag. In der Bahn verliere ich mich in einem Buch. Darin kann ich ewig lesen, mein müder Geist raubt den Sätzen ihren Sinn und lässt sie mich immer und immer wieder entziffern. Ich stehe an das Plexiglas gelehnt und halte Abstand zu den anderen Menschen, atme flach. Noch 4 Stationen. Der schlaksige Blonde, der morgens Aphorismen und Gedichte für eine kleine Spende anbietet, ist seit 2 Monaten verschwunden. Seit seinem Streit mit einem anderen Obdachlosen. Ich mochte ihn, einmal habe ich ihn beim Kopfschütteln beinahe angesehen.

Ich bin da. Die Türen öffnen sich und die Bahn erbricht ihren Inhalt auf einen anderen Bahnsteig und in einen kurzen Moment der Freiheit. Die Reisenden schauen suchend, die Pendler schauen ins Nirgendwo und lassen sich von ihren Füßen in die richtige Richtung lenken. Das Neonlicht blendet. Ich schaue kurz auf die Uhr und stelle erleichtert fest, dass ich noch 10 Minuten habe. Das reicht.

Ungezwungen schlendere ich auf den Kiosk zu. Von außen ist er grün, von innen lachen mich die Regenbogen der Auswahl überfordernd an. Gut, dass meine Wahl getroffen ist, betont lässig navigiere ich die Flut an Farben und Sinneseindrücken, durchlaufe meine Choreographie und lande wie spontan vor dem richtigen Regal, die 2,00€ erscheinen wie magisch abgezählt blind in meiner Hand. Dass niemand sonst im Laden ist, hat meine Routine längst erspäht. Die vietnamesische Kassierin, die mit ihren 1,60 Meter dennoch den Laden beherrscht, lächelt mich professionell und traurig an. Hier hole ich mir meinen kleinen Moment der Menschlicheit für den Tag ab. Traurigkeit ist immerhin mehr als Gleichmut. Heute Abend werde ich mir hier wiederfinden. Um 20 Uhr übernimmt ihr Mann die Nachtschicht. Er kennt mich nicht so gut wie seine Frau, vor allem, nicht, wenn ich vorgesorgt habe.

Ich bringe ein ehrliches Lächeln zustande, nuschel ein, „das war’s.“, und bin wieder draußen. Die Flasche verschwindet in der Jackentasche (ein weiterer Grund für kalte Jahreszeiten) und gehe zielstrebig zur Treppe. Auf dem ersten Absatz schalte die Musik auf stumm, die Kopfhörer auf den Ohren. Lausche nach hallenden Schritten, die andere Menschen, bewertende Biomasse bedeuten.

Ein kurzer Blick auf das Telefon kauft mir Zeit, überholt zu werden und den vorwurfsvollen Blick mit einem gleichmütigem Augenkontakt zu entkräften. Der zweite Absatz bringt mich beinahe außer Atem, doch ich muss um die Ecke schauen. Ich höre keine Schritte, sehe keinen Schatten.

Drehen, kippen, drehen, einstecken.

Die Welt ist jetzt langsamer und ich bin bereit für den Tag. Nach oben in die Kälte. Ich blicke nach unten, erstaunt, wie meine Füße in in Socken in Schuhen ihre Pflicht tun. Links, rechts, immer weiter. Gerade, gut trainiert. Am Ausgang der Mülleimer auf meiner linken Seite; unauffällig und geräuschlos verschwindet die Flasche.

Die frische Luft lässt mich durchatmen, beinahe klar schauen. Blick aufs Handy. 8 Minuten noch. Also drehe ich mir eine Zigarette, halte Abstand zu den Säufern und Obdachlosen und, hoch die Treppe ans Ende des Bahnsteigs. Schließe die Augen, rauche still, beobachte die Raben, die Menschen, die Gleise, die Züge, den Abstand. Inhaliere tief, als würde ich Sauerstoff rauchen. Drücke aus, drücke mir einen Kaugummi in den Mund und reihe mich an meinen Stammplatz an der gelben Notrufsäule vor dem Gleiscafé ein. Tausche einen erkennenden Blick der Gleichgültigkeit mit meinen Kameraden und blicke dem einfahrenden Zug entgegen.

Die Kopfhörer eingesetzt, bin ich bei mir.

Zum Glück wird es jetzt früher dunkel.

1 - 15_10_17 - Commute

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