Nachtmusik

Es ist Abend

Abend in einer Kleinstadt und Abend in einer Großstadt.

Abend in allen Orten, Häusern und Straßen.

In den Köpfen ist es Nacht.

Nacht im Kopf der Ehepaare, die an den Händen das flüchtige Versprechen der Ewigkeit tragen und es dabei schon in den Flitterwochen nicht mehr ertragen sich nichts mehr zu sagen.

Und die sich deswegen lieber

wund vögeln, obwohl sie doch den Menschen, den sie einmal lieben wollten, vielleicht tatsächlich lieben könnten.

Stattdessen tragen sie sich gegenseitig still zu Grabe um sich selbst nicht einzugestehen, dass die Stillen schon lange nicht mehr schön, sonder peinlich, die Gedanken heimlich und wie die Träume, Wünsche immer leiser wurden.

Nacht ist in den Köpfen der Freunde, die sich auseinander leben. Deren Wurzeln allzu tief schlugen und nun kein Wasser mehr ziehen. Die sich nicht trauen, loszulassen, neue Wege einzuschlagen und ihre Trampelpfade zu Gruben treten.

So gehen sie durch ihre Wüste. Einer mit Segelschuhen, der andere barfuss und am Ende versinken beide im Sumpf.

Nacht ist es, wenn die Teenager sich in der Gruppe allen Normen entreißen. Wenn die Individualität die Persönlichkeit raubt und sich alle hemmungslos ausleben, nur, um sich nicht zu offenbaren.

Nacht ist in den Köpfen der Nutten, die ein schwarzes Lochen zwischen den Schenkel haben, in denen die Freier für 50€ verschwinden dürfen. Die das schwarze Loch in der Brust auch nicht stopfen können und am Ende doch nur wieder Leere finden.

Nacht fließt in die Venen eines Drückers, weht durch die Lungen eines Kiffers, zieht in die Schleimhäute der Kokser und rauscht in die Kehlen der Säufer.

Nacht in allen, die in ihre mondlosen Nächte ziehen, um der Dunkelheit, wenn auch nur ganz kurz, ein bisschen zu entrinnen.

Nacht herrscht in den Schlachthöfen, wo das Blut langsam trocknet und darauf wartet, morgen wieder in schnellen Bächen zu fließen.

Nacht auch in den warmen Stuben. Vor den Fernsehern, wo die Menschen es genießen, sich nicht der Meute auszuliefern und die Strahlen in TV-zentrierten Wohnzimmern mit ihrem blauen Flimmern nicht nur Psychen infiziert.

Nacht ist in den Zügen, in denen die Leute der Sonne entgegen in immer tiefere Nächte fahren.

Nacht ist es in den Clubs, in denen kalte Musik heiße Leidenschaft entfacht und die Tonleitern überall hin, nur nicht nach oben führen,

wo Frauen, Mädchen, Männer, Jungen, sich auf auf Parkplätzen und Klos erst selber und in Hinterhöfen von anderen vergewaltigt werden.

Nacht ist auch, wenn ich morgens aufstehe.

Wenn ich in den Spiegel sehe, und meine Augen mir nur Monde sind. Wenn der Pegel langsam Licht weicht.

Dann bleibt es Nacht, wenn ich abends wieder ins Bett krieche, in der Hoffnung auf den Mondaufgang.

Doch im Dunkeln kann man trotzdem träumen.

Dass die Nacht einmal doch für jeden vergeht.

Dass Tote wieder auferstehen.

Niemand leidet. Niemand flehend in den leeren Himmel blicken. Wenn Gott und Schicksal überflüssig sind und Tränen durch diese neue, echte Wärme tatsächlich getrocknet werden statt dass wir nur vertrocknet sind. Wenn Menschen sich wirklich in die Augen schauen und statt Grüften Traumfabriken bauen. Dass die Sonne nie wieder blendet und die Schatten keine Furcht einflößen.

In solchen Nächten liege ich lange wach, betrachte meine Decken, meine Räume. Manchmal lächel ich und weiß, die Dunkelheit schenkt mir absurde Träume.

Es ist Abend. Abend in meiner Stadt, Abend in meiner Straße, Abend in meinem Haus.

Abend in meinem Kopf.

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