Ich kann ihr nicht mehr in die Augen schauen, weil ich mich darin sehe. Mehr als mein Gesicht, meinen Körper, der nur noch nach außen meinem Willen gehorcht. Mehr als die leeren Augen, die einmal wach und voller Neugier waren.
Ich würde gerne weinen, würde gerne so tun, als würde es schmerzen. Aber das tut es nicht. Ich schäme mich nicht, es tut nicht mehr weh. Ich habe meine Medizin genommen, sie wirkt schnell. Ein guter Junge, ein vernünftiger Patient. Chemotherapie für die Seele. Ich schütte Gift in mich hinein, in der Hoffnung, dass die Krankheit vorher stirbt. Kopfschmerzen, Übelkeit und ein schlechtes Gedächtnis sind nur die Nebenwirkungen. Ich muss nur regelmäßig dran bleiben, darf nicht eigenmächtig absetzen. In meiner Beziehung habe ich mich erinnert, das passiert mir nicht noch einmal.
Ich blicke nicht in einen Abgrund, ich zwinge den Abgrund, in mich zu blicken.
Und er weicht zurück.
Am Ende der Leidenschaft stand schon immer das Aufwachen. Jeder Rausch hat ein Ende aber zum Glück bedeutet das auch immer die Chance auf einen Neuanfang, ein neues Abenteuer, neue Lippen, neue Träume, neue Flaschen.
Mit diesem Gedanken sitze ich auf meinem Sofa, schaue mir das Leben der anderen an, komprimiert auf eine unüberschaubare Anzahl an einfachen Einsen und Nullen. Suhle mich in den Lebenshöhepunkten guter Freunde, flüchtiger Bekanntschaften und Menschen, die ich noch nie getroffen habe. Alle bedeuten mir nichts. Das Glück in ihren Augen ist leer und sinnlos, schütte ich mir ein.
Der Tag geht zu Ende wie die Menschen, grau, gebückt und kalt vom natürlichen Lauf des Lebens. Ich wundere mich, wenn in einem Nirgendwo 30 Menschen in Stücke gerissen wurden. An einem Ort, der mich nicht interessiert. Manchmal finde ich es schade, dass ich nicht dort lebe.
Die Arbeitslosigkeit wird geringer. Mehr Menschen sind jetzt 9 Stunden am Tag abgelenkt. Dafür bekommen sie Geld. Können sich eine Wohnung leisten, einen Urlaub. Vielleicht eine Familie gründen. Können sich Betäubung kaufen. Jeder hat seinen Preis, meistens bestimmt das Gift ihn. Wer sich die richtige Medizin aussucht, hat gut verhandelt.
Ich packe mein gesundes Mittagessen ein, werfe einen letzten Blick in den Spiegel, zähle mein Kleingeld. Nehme den Schlüssel dreimal in die Hand, suche nach meinen Kaugummis und verlasse das Haus.
Das Gute an Großstädten ist, dass irgendein Kiosk immer schon vor 7 geöffnet hat. Die 2,50 sind abgezählt in meiner Hand, das Ritual ist gut eingespielt. Wir wünschen uns beide einen guten Tag, ohne Augenkontakt.
Vielleicht denkt er, ich komme vom Schichtdienst.
Auf dem Weg zur U-Bahn vergewissere ich mich der Passanten vor und hinter mir auf der Straße. Wenn ich wenigstens 50m Freiheit in beide Richtungen habe, geht es. Dann muss ich nur schnell sein. Geübt gleitet die kleine Flasche in meine Hand, geschickt öffne ich das Siegel des blauen Schraubverschlusses und mit einer routinierten Handbewegung verschwinden 100ml der klaren Flüssigkeit in meinem Kopf, ohne den Umweg über den Schluckmechanismus. Manchmal muss ich husten, dann wird es mir peinlich. Aber nur, bis die Wärme einsetzt. Wenn ich dann schwitze, ist die Nervosität größer. Wenn die Straße voll ist und ich keine unbeobachtete Sekunde habe, bin ich sauer auf die Menschheit.
Heute mag ich die Menschen.
