Abgrund

Ich kann ihr nicht mehr in die Augen schauen, weil ich mich darin sehe. Mehr als mein Gesicht, meinen Körper, der nur noch nach außen meinem Willen gehorcht. Mehr als die leeren Augen, die einmal wach und voller Neugier waren.

Ich würde gerne weinen, würde gerne so tun, als würde es schmerzen. Aber das tut es nicht. Ich schäme mich nicht, es tut nicht mehr weh. Ich habe meine Medizin genommen, sie wirkt schnell. Ein guter Junge, ein vernünftiger Patient. Chemotherapie für die Seele. Ich schütte Gift in mich hinein, in der Hoffnung, dass die Krankheit vorher stirbt. Kopfschmerzen, Übelkeit und ein schlechtes Gedächtnis sind nur die Nebenwirkungen. Ich muss nur regelmäßig dran bleiben, darf nicht eigenmächtig absetzen. In meiner Beziehung habe ich mich erinnert, das passiert mir nicht noch einmal.

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Nachtmusik

Es ist Abend

Abend in einer Kleinstadt und Abend in einer Großstadt.

Abend in allen Orten, Häusern und Straßen.

In den Köpfen ist es Nacht.

Nacht im Kopf der Ehepaare, die an den Händen das flüchtige Versprechen der Ewigkeit tragen und es dabei schon in den Flitterwochen nicht mehr ertragen sich nichts mehr zu sagen.

Und die sich deswegen lieber

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Routine

Die U-Bahn. Am Bahnsteig stehen fast immer dieselben Menschen. Alle unbeteiligt, alle ihrem Leben treu ergeben. Manchmal sitzt ein Obdachloser auf der Bank und raucht. Er stinkt unangenehm nach Alkohol. Ich kaufe jetzt zwei Packungen Kaugummis am Tag. In der Bahn verliere ich mich in einem Buch. Darin kann ich ewig lesen, mein müder Geist raubt den Sätzen ihren Sinn und lässt sie mich immer und immer wieder entziffern. Ich stehe an das Plexiglas gelehnt und halte Abstand zu den anderen Menschen, atme flach. Noch 4 Stationen. Der schlaksige Blonde, der morgens Aphorismen und Gedichte für eine kleine Spende anbietet, ist seit 2 Monaten verschwunden. Seit seinem Streit mit einem anderen Obdachlosen. Ich mochte ihn, einmal habe ich ihn beim Kopfschütteln beinahe angesehen. Weiterlesen „Routine“