Eigentlich hatte er nie viel gewollt vom Leben.
Einen sicheren Beruf, ein kleines Eigenheim. Liebe vielleicht.
In Katharina hatte er dann etwas Ähnliches gefunden. Sicherheit, Erträglichkeit. 43 Jahre Ehe; davon 10 Jahre
Schwärmen von der Hochzeit und den Flitterwochen, 23 Jahre Beschäftigung mit den Kindern (1 Sohn, 1 Tochter) um das Schweigen beim Frühstück, beim Abendessen, bei Urlauben und Wochenendausflügen zu übertönen. Wenn das nicht half, stellte man den Fernseher laut und knusperte mit Chips ein weißes Rauschen in den Kopf.
Dann wieder 10 Jahre, in denen die Enkel einen befreien. Waren sie nicht da, konnte auch eine geräuschlose Zeitung die Leere verbergen.
Einen Job hatte er gehabt, als Buchhalter zunächst, dann als Chief Accountant, in einem mittelgroßen Unternehmen, bei dem sich 191 Existenzen für 40 Stunden in der Woche die Luft teilten. Nicht viel, aber immerhin war er in 45 Jahren weit genug gekommen, um sich Einiges herausnehmen zu können. Zum Beispiel die Auszubildende zu schwängern und zu heiraten. Ein eigenes Büro mit Fenster zu haben und von ernsten Geldsorgen verschont zu sein. Der Nachwuchs hatte studiert – Timo BWL, Eva Jura. Damit würden beide, wenn ein angemessenes Leben führen können. Nicht glücklich, aber dafür nicht arbeitslos.
Timo hatte seine eigene Familie gegründet. Mit Julia, einer Kommilitonin die ihren Abschluss mit Auszeichnung bestanden hatte, sich jetzt aber lieber als Mutter erfüllte und ihre übrige Energie aufbrachte, „sich selbst in ihrer Weiblichkeit zu bestätigen.“ Immer wenn die beiden zu Besuch waren und der kleine Benny schlief, fiel Peter auf, wie sehr sein Sohn vor seinen Augen verschwamm. Irgendwie kam ihm der Tisch dann wie die Kaffeetafel von Kirchner vor, nur dass sie hier immerhin über das Wetter reden konnten.
Peter war das egal. Er war schon immer klug genug gewesen, die bestehenden Verhältnisse zu verstehen und zu verachten, aber nicht in Frage zu stellen oder gar anzutasten. Außerdem musste er noch ein Fotobuch bestellen. Katharina war ihm in dieser Hinsicht immer ähnlich gewesen, wenn auch nicht ganz so formal gebildet, wie er, dafür brachte sie zumindest damals durchaus äußere Vorzüge mit. So war ihre Ehe durch ihre Erwartungslosigkeit eine der Glücklicheren gewesen.
Das Frühstück war immer bereit das Abendessen auch, am Wochenende holte Peter Brötchen und half beim Tischdecken.
Wenn er ein Geschäftsessen hatte oder Kontakte am Tresen knüpfte, wurde die Mikrowelle gefüttert. Deswegen hatte er an langen Abenden im Büro absurderweise auch tatsächlich gearbeitet. Katharina zu betrügen war ihm zwar in den Sinn gekommen, die Gelegenheiten waren auch da, letztendlich hätte dies aber genau so wenig bedeutet, außer, dass er vielleicht hätte kochen lernen müssen.
Außerdem war ihre Routine viel zu eingespielt, der Eheapparat viel zu gut geölt, als dass er seinen Schwanz woanders hätte schmieren müssen. Auch beim Geschlechtsverkehr waren sie aufeinander eingestellt und beide sagten selten nein, lange dauerte es meistens eh nicht und immerhin war es öfter als nicht für den einen oder anderen der beiden schön.
Für diese Beständigkeit hielt Katharina ihm den Rücken frei, war auch treu und verwaltete das ansehnliche Gehalt. Jeder hatte sich tatsächlich für den nur scheinbar automatisch zugewiesenen Part entschieden und keiner bereute es. Das Erfolgsrezept war ihrer Meinung nach einfach: Ein Apparat, 2 Techniker. Ein lange geköcheltes Menü, 2 Köche. Elektriker und Klempner. Beikoch und Saucière. Ohne Tricks, Therapien und Beratungen.
Und im Laufe der Zeit hatte sich dann tatsächlich so etwas wie Liebe entwickelt. Mehr noch als Liebe, eine tiefe pragmatische Verbundenheit die nur aus dem Bestreben erwachsen kann, sich einem Leben zu stellen, das einem alles bietet und nichts gibt. Sie hatten ihre Krisen und Enttäuschungen schon längst verarbeitet, bevor sie überhaupt kamen.
Viele Male schon hatten sie die Sonne auf- und untergehen sehen. An verschiedenen Orten, Zeiten, doch immer als die gleichen Menschen. In aller Fremde und durch alle Veränderungen waren sie immer beständig geblieben und je fremder alles wurde, desto normaler wurden sie.
Doch heute, am sichersten aller Orte, änderte sich alles. Im abbezahlten Zuhause, im von Anfang präsenten Ehebett war nichts mehr so, wie es einmal war. Für Katharina war jetzt alles anders. Obwohl sie am Abend zuvor das gleiche Nachthemd angezogen hatte.
