Frühstück Teil II

Beide waren im Nachthemd, ihres weiblich elegant geschnitten, seins einfach durch tausendfaches Waschen und die Jahre ein zum Nachthemd gewordenes T-Shirt. Sie waren, so wie immer, nicht glücklich, aber mit einer grundsätzlichen Zufriedenheit ins Bett gegangen. Dann hatten sie sich, wie schon seit Jahren, unter ihre eigene Bettdecke gelegt, jeder kurz in seinem Buch geblättert und dann waren sie nebeneinander eingeschlafen.

Wie immer.

In einer Nacht wie immer. In der Katharina das Gleiche tat wie, immer. Nichts. Sie dachte nichts, tat nichts und doch war diesmal alles anders. Und als Peter am nächsten Morgen aufwachte, würde sie auch nie wieder etwas tun. Denn sie war fort, hatte nur die kalte Hülle einer alten Frau zurückgelassen.

Also steht er jetzt langsam auf, bedacht, nicht zu laut zu sein, keine unnötigen Geräusche zu verursachen. Das Kissen nicht zu verrücken und die Harmonie in ihrer Leben, in ihren Zügen nicht zu stören. Bedächtig geht er ins Bad, um sich auf den Tag vorzubereiten und ihn zu beginnen. Er öffnet den Spiegelschrank, den sie vor Jahren ausgesucht hatte und dessen abgedroschener Massenwarenstil genau zu ihrem Geschmack passte. Irgendjemand hatte einmal sein ganzes Herzblut in das Entwerfen eines möglichst charakterlosen Gegenstands geworfen und unzählige Menschen hatten sich genau darin wiedergefunden.

Diese Gedanken hätten ihm durch den Kopf gehen können, doch Peter ist sorgfältig damit beschäftigt, sich nicht zu schneiden und beim Anblick des Spiegels denkt er nur an Katharina, seine Gesichtsbehaarung und füllt sich dadurch mit Bedeutung Charakter und Sicherheit.

Er wiederholt das Ritual, dass er nun schon seit 50 Jahren kennt, 40 davon täglich. Heute jedoch lässt er besondere Vorsicht walten, ist es doch ein ganz besonderer Tag. Ein ganz besonderer Tag von dem Katharina nichts mitbekommt, obwohl doch ihre ganze Welt aus den Fugen geraten ist.

Behutsam nimmt er den Pinsel aus Dachshaar mit dem Bakelitgriff und rührt den Rasierschaum in der weißen Porzellanschüssel an. Rasierseife von Proraso, das Einzige, was er freiwillig und begeistert von seinem Vater übernommen hatte. Und auch die einzige Gelegenheit, bei der er an ihn dachte. Dafür täglich. Beim Ritual der Rasur.

Das sanfte Kreisen des Pinsels, der beinahe zärtliche Moment in dem er die Seife auf die Haut aufträgt. Das sanfte Kratzen und der starke Geruch nach Eukalyptus und Menthol, der sich mit dem Rasierwasser in seine Sinne brennt. „Eine gute Rasur zeugt von einem scharfen Verstand und der Fähigkeit, mit scharfen Klingen umgehen zu können – was jeder Mann sollte.“ Diese Worte klangen ihm jeden Tag in den Windungen seines Gehirns, zwischen den geschmolzenen Erinnerungen einer Jugend. Andächtig legt er die Klinge ein.

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