Abgrund

Ich kann ihr nicht mehr in die Augen schauen, weil ich mich darin sehe. Mehr als mein Gesicht, meinen Körper, der nur noch nach außen meinem Willen gehorcht. Mehr als die leeren Augen, die einmal wach und voller Neugier waren.

Ich würde gerne weinen, würde gerne so tun, als würde es schmerzen. Aber das tut es nicht. Ich schäme mich nicht, es tut nicht mehr weh. Ich habe meine Medizin genommen, sie wirkt schnell. Ein guter Junge, ein vernünftiger Patient. Chemotherapie für die Seele. Ich schütte Gift in mich hinein, in der Hoffnung, dass die Krankheit vorher stirbt. Kopfschmerzen, Übelkeit und ein schlechtes Gedächtnis sind nur die Nebenwirkungen. Ich muss nur regelmäßig dran bleiben, darf nicht eigenmächtig absetzen. In meiner Beziehung habe ich mich erinnert, das passiert mir nicht noch einmal.

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Frühstück Teil II

Beide waren im Nachthemd, ihres weiblich elegant geschnitten, seins einfach durch tausendfaches Waschen und die Jahre ein zum Nachthemd gewordenes T-Shirt. Sie waren, so wie immer, nicht glücklich, aber mit einer grundsätzlichen Zufriedenheit ins Bett gegangen. Dann hatten sie sich, wie schon seit Jahren, unter ihre eigene Bettdecke gelegt, jeder kurz in seinem Buch geblättert und dann waren Weiterlesen „Frühstück Teil II“

Prolog

Ich spiele mit meinem Visitenkarten-Quartett während ich mir ausmale, was an diesem Nachmittag noch auf mich wartet. Meine Ohren dröhnen, aber ich weiß nicht, ob der Raum, ob ich dafür zu verantworten bin. Ich schiebe es auf den Raum. Reibe mir den Nasenrücken, drücke den Rücken tiefer in die Lehne, krümme ihn noch etwas und hoffe, dass diese Position den Schmerz etwas lindert. Lese Geschichte, schaue mich ab und zu kritisch um. Esse einen Schokoriegel und denke über das Wort

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Nachtmusik

Es ist Abend

Abend in einer Kleinstadt und Abend in einer Großstadt.

Abend in allen Orten, Häusern und Straßen.

In den Köpfen ist es Nacht.

Nacht im Kopf der Ehepaare, die an den Händen das flüchtige Versprechen der Ewigkeit tragen und es dabei schon in den Flitterwochen nicht mehr ertragen sich nichts mehr zu sagen.

Und die sich deswegen lieber

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Routine

Die U-Bahn. Am Bahnsteig stehen fast immer dieselben Menschen. Alle unbeteiligt, alle ihrem Leben treu ergeben. Manchmal sitzt ein Obdachloser auf der Bank und raucht. Er stinkt unangenehm nach Alkohol. Ich kaufe jetzt zwei Packungen Kaugummis am Tag. In der Bahn verliere ich mich in einem Buch. Darin kann ich ewig lesen, mein müder Geist raubt den Sätzen ihren Sinn und lässt sie mich immer und immer wieder entziffern. Ich stehe an das Plexiglas gelehnt und halte Abstand zu den anderen Menschen, atme flach. Noch 4 Stationen. Der schlaksige Blonde, der morgens Aphorismen und Gedichte für eine kleine Spende anbietet, ist seit 2 Monaten verschwunden. Seit seinem Streit mit einem anderen Obdachlosen. Ich mochte ihn, einmal habe ich ihn beim Kopfschütteln beinahe angesehen. Weiterlesen „Routine“